Mitglied im paritätischen Wohlfahrtsverband
Beratungsstelle Kassel für Bewußte Elternschaft e.V.
Holländische Str.198
Telefon: 0561-895377
Fax: 0561-8615190
Beratung und Auskunft:
Montag 15-17 Uhr
Dienstag 10-12 Uhr
Mittwoch 10-12 Uhr
Donnerstag 15-19 Uhr
Freitag 10-12 Uhr
Wir über uns - Ein Rückblick 

von Dr. med. Horst Lingelbach
(1. Vorsitzender der „Beratungsstelle Kassel für Bewußte Elternschaft e.V.“ von Mai 2000 bis Juli 2002, verstorben am 09.07.2002)

1949, in der frühen Nachkriegszeit wurde unsere Beratungsstelle nach dem Vorbild der seit ca. zwei Jahrzehnten bestehenden „Planned Parenthoud Association“ (PPA) in London (daher unsere etwas verkrampft wirkende Namensbildung) als allererste in Deutschland gegründet.

Die Zielsetzung war sexuelle Aufklärung und Geburtenkontrolle, was in erster Linie bedeutete: Verhütung ungewollter Schwangerschaften.

Die ersten Jahrzehnte der Nachkriegszeit sahen bezüglich Sexualität, Sexualaufklärung und Verhütung ziemlich schlimm aus. Sie waren geprägt von Prüderie und Tabuisierung jeglichen sexuellen Tuns. Sex war noch unanständig und in den Medien nicht existent. Man hatte zwar Sex, sicherlich auch mit Spaß und Einfallsreichtum aber auch mit seit Generationen anerzogenen Scham- und Schuldgefühlen und stets mit entsetzlicher Angst vor ungewollter Schwangerschaft. Eine ungewollte Schwangerschaft führte fast immer zu einer Katastrophe: Muss-Ehe, Leben als von der Gesellschaft verachtete alleinerziehende Mutter, Verarmung oder illegale Abtreibung mit oft fatalen gesundheitlichen bis tödlichen Folgen.

Das Wissen um elementarste biologische Vorgänge und Zusammenhänge im Bereich der weiblichen und männlichen Sexualorgane und das Wissen um praktikable, effiziente Verhütungsmethoden lag ziemlich in der Nähe von Null. Behutsame, später emsigere Befreiungsbemühungen kamen erst in den 60er und 70er Jahren auf. Die niedergelassenen Ärzte sperrten sich sehr lange, Sexualberatung und Schwangerschatsverhütung zu übernehmen.

Also: Aufklärung und Hilfe mussten her. In unserer Beratungsstelle wurde von Anfang an heftige Pionierarbeit an der Aufklärungsfront geleistet. Es wurden regelmäßige Sprechstunden durchgeführt. Wir redeten über multiple Probleme der Sexualität, Anatomie, biologische und physiologische Vorgänge, Partnerschaftsprobleme, Beziehungsstörungen, vorwiegend aber über sichere praktikable Verhütungsmethoden. Wir führten Einzel- und Gruppengespräche, hielten Vorträge an Schulen oder hatten Schulklassen zu Gast.

Der zunehmende betreute Besucherkreis bestand vorwiegend aus jüngeren Damen zwischen 16 und 20 Jahren aber auch Frauen mit abgeschlossener Familienplanung und Paaren aller Altersgruppen.

Die medizinische Versorgung war durch gynäkologische Fachärzte gewährleistet. Den jüngeren Frauen wurde die Pille verabreicht, die wir uns in ermüdender Monotonie durch Bittbriefe an pharmazeutische Firmen besorgten. Es wurden Diaphragmen angepasst und später sogar Intrauterinpessare eingelegt. Der gesamte Service war natürlich kostenlos und nicht krankenscheinpflichtig, da die Eltern in den meisten Fällen nichts erfahren durften.

Die Androhung mancher Argumente, d.h. Prügel, oder die Einschaltung von Justiz und Polizei mussten wir uns von sittenstrengen meist männlichen Elternteilen recht häufig anhören.

Es war richtig spannend.

In den letzten 10-15 Jahren haben sich die Struktur und der Aufgabenbereich unserer Beratungsstelle durch stetige Enttabuisierung der Sexualität, durch befreiende Veränderungen ethischer und moralischer Normen durch die Medien (häufig zu schnöder Unterhaltung auf bescheuertem Niveau) und durch Verlagerung der Antikonception in die Frauenarztpraxen neu definiert und wir haben flexibel auf die veränderte Situation reagiert.

Wir sehen heute unsere erweiterte weitgefasste Aufgabe in der Unterstützung und Hilfe bei sexueller Selbstbestimmung unter Beachtung der Unversehrtheit und Würde einer jeden Person.